Ein E-Mail-Interview mit Thomas Nitsche (Kopp Tobaccos)
Wer ist Thomas Nitsche?
Wer sich in der deutschen Pfeifentabakszene bewegt, begegnet seinem Namen früher oder später fast zwangsläufig. Thomas Nitsche gilt heute als einer der erfahrensten und prägendsten Tabakblender Deutschlands – nicht, weil er sich in den Vordergrund stellt, sondern weil seine Arbeit genau das Gegenteil tut.
Aufgewachsen in Hamburg, kam er früh über seinen Großvater, seinen Vater und seinen Onkel mit der Pfeife in Berührung. Was zunächst ein familiär geprägtes Ritual war, entwickelte sich über Jahre hinweg zu einer tiefen Leidenschaft für Tabak, seine Herkunft, seine Verarbeitung und seine nahezu unendlichen geschmacklichen Facetten.
Seit den frühen 2000er-Jahren ist Thomas Nitsche beruflich in der Tabakbranche tätig. Er gehört seit 2005 dem Tasting-Panel von Kohlhase & Kopp an und ist seit vielen Jahren für die Entwicklung, Mischung und Qualitätssicherung der Pfeifentabake bei Kopp Tobaccos verantwortlich. In dieser Zeit hat er an unzähligen Rezepturen gearbeitet – viele davon prägen das Sortiment bis heute.
Seine Handschrift findet sich in klassischen Serien ebenso wie in Sondereditionen, limitierten Jahresblends, Kooperationen mit Manufakturen und neuen Formaten wie Crumble Cakes, Plugs oder Flakes aus eigenen, restaurierten Pressen. Dabei folgt er konsequent einer Philosophie, die sich wie ein roter Faden durch seine Arbeit zieht:
Das Aroma begleitet – der Tabak ist der Star.
Neben seiner Tätigkeit in der Produktion ist Thomas Nitsche regelmäßig auf Messen, bei Fachhändlern, in Pfeifenclubs und bei Live-Mischveranstaltungen präsent. Der direkte Austausch mit Rauchern ist für ihn kein Beiwerk, sondern ein zentraler Bestandteil seiner Arbeit.
Vor diesem Hintergrund entstand der Wunsch nach einem Gespräch für pfeifenrun.de – nicht über Produktneuheiten oder Kaufempfehlungen, sondern über Handwerk, Verantwortung und den Blick hinter die Kulissen der Pfeifentabakherstellung.
Der folgende Austausch fand vollständig per E-Mail statt.
1. Herr Nitsche, der Titel „Masterblender“ klingt für viele fast mystisch.
Wie würden Sie selbst Ihre Rolle in einfachen Worten beschreiben?
Mein Titel als Masterblender ist zweitrangig, Wichtig ist was am Ende herauskommt
und den Konsumenten schmeckt. Ergo ist eigentlich der Tabak der Star und nicht
ich. Natürlich geht alles nicht ohne Leidenschaft und Liebe für die Materie,evtl auch
ein gewisser Grad Verrücktheit oder gar eine Art Freak bei diesem Thema, meinem
geliebten Tabak, zu sein. Man kann es mit einem Koch Vergleichen. Die Produkte
sollte man bestens beherrschen und wissen wann man was und wieviel einsetzt.
2. Pfeifentabak ist ein Naturprodukt – gleichzeitig erwarten Raucher Konstanz.
Wo liegt für Sie die größte Herausforderung zwischen Natur und Gleichbleibendheit?
Die größte Hürde ist bei schwankenden Qualitäten, Jahrgängen und Herkünften der
jeweiligen Tabake Jahr für Jahr das für den Konsumenten gleichschmeckende
Produkt zu liefern, bei gleichzeitiger Änderung von Aromen zb durch den
Gesetzgeber oder Verfügbarkeit der jeweiligen Tabake.
3. Gibt es Momente, in denen ein Tabak technisch „stimmt“, sich aber dennoch nicht richtig anfühlt?
Woran merken Sie das – und wie gehen Sie damit um?
Die gibt es recht Häufig. Man stellt zb fest, das das Blattgut im ersten Moment Top
Qualität hat, aber im Test beim Rauchen den Geschmack nicht bis zum Ende hält,
oder gar scharf bissig nachwirkt. Ebenso ob er zb ein Aroma gut speichern kann
und super gleichmäßig abbrennt. Andere sind nicht lange Lagerfähig oder müssen
um Homogen zu werden extrem lange gelagert werden. Manche stellen sich auch
eher durch Ihre Dominanz bedingt Teamfähig mit anderen Tabaken dar oder sind
aufgrund ihrer Nikotinstärke nur bedingt einsetzbar. Oft ist auch ein gewisser PH
Wert entscheidend sowie der oft diskutierte Zucker-, Öl- und Nikotingehalt. Merken
wird man am Ende all diese Dinge am Geschmack, Abbrand verhalten, Aschefarbe
und Temperatur- sowie Kondensat Entwicklung beim rauchen.

4. Viele Raucher unterscheiden grob zwischen Aromaten und Naturtabaken.
Was macht für Sie – unabhängig vom persönlichen Geschmack – einen gut gemachten Aromaten aus?
Ein guter Aromat hält das Aroma von Anfang bis fast Ende, zumindest zum größten
Teil. Er sollte auch nicht bissig scharf werden, gut abgelagert sein, nicht Zuviel
Kondensat erzeugen und in einer guten Verpackung wie zb Vakuumdose sein. Je
nachdem wie erfahren der Raucher ist, darf der Aromat auch gern komplexer sein.
Die meisten Raucher sind von Geschmacksemfinden eher einfach gestrickt, also zb
Süß, würzig, stark, fruchtig etc. Seinen Geschmack kann jeder bis auf ein gewisses
Level trainieren, was seine Zeit dauert. Wenn man seinen Lieblingstabak öfter
geraucht hat, stellt man plötzlich noch andere Geschmäcker im Hintergrund fest. Am
Ende bleibt der Geschmack dennoch immer eine persönliche Empfindung.
5. Manche Tabake wirken laut, andere eher leise.
Spielt Zurückhaltung oder Eleganz für Sie bei einer Mischung eine bewusste Rolle?
Ich versuche eigentlich immer die Unterschiedlichen Tabake aufeinander so
abzustimmen, das sie Homogen sind, komplex, zusammen arbeiten und sich
Geschmacklich unterstützen. Ausnahme ist zb ein Blendwerk wo ich möchte das
einer oder zwei die Regie führen und somit absolut im Vordergrund stehen.
6. Wenn neue Mischungen entstehen – wie beginnt dieser Prozess?
Meine Mischungen entstehen in der Idee oft durch meine Events und den
Gesprächen die ich dort führe. Ansonsten dadurch das mir eine Idee für ein Aroma
erscheint, ich Lücken entdecke im Sortiment wo Bedarf vorhanden ist (zb Oriental
Blends, Crumble Cakes oder Plugs ) , mir ein besonderer Tabak angeboten wird
oder ich mir zb vorstelle ich wäre auf dem Hamburger Dom und gehe die Gerüche
im Kopf durch, oder wir haben eine bestimmte Thematik. Manchmal Interpretiere ich
auch eine bestimmte Richtung neu, sowie zb einen Lakeland, was aber im Moment
noch in der mache ist und vermutlich erst auf der Intertabak in Dortmund erscheinen
und präsentiert.
7. Kopp Tobaccos ist stark gewachsen.
Was bedeutet das für Ihre tägliche Arbeit?
Für mich bedeutet es das mehr Tabake vorrätig sein müssen sowie
Verpackungsmaterial , mehr gemischt werden muss im Voraus um all diese Mengen
liefern zu können ohne merkbare Chargenschwankungen zu haben oder
Qualitätsverlusste auftauchen. Natürlich auch so gut wie möglich Lieferengpässe
vermeiden bei immer höherem Bedarf durch immer weniger Produzenten. Eine oft
Undankbare Aufgabe wo nicht immer jeder Händler komplett zufrieden gestellt
werden kann was Mengen betrifft, wenn Qualität durch sauberes Handwerk immer
an erster Stelle steht.
8. Wann ist ein Tabak „fertig“ – oder ist er das nie?
Gibt es für Sie einen Punkt, an dem ein Tabak „fertig“ ist – oder bleibt er immer ein lebendiges Produkt?
Ein Virginia zb hört nie auf zu Reifen und somit der komplette Blend nicht. Die
meissten werden mit der Zeit runder, weicher und Linearer, verlieren ihre Spitzen.
Optisch macht es sich in den Farben bemerkbar, da sie sehr nachdunkeln mit der
Zeit. Wann wer fertig ist oder nicht ist am Ende auch geschmackssache, denn
manche mögen es wenn der Blend noch ein paar Spitzen hat und hier und da mal
was aufblitzt. Zu lange ist unter den falschen Lagerbedingungen( Temperatur, Ort
und Feuchtigkeit ) ein Overkill und der Blend verliert an Geschmack aufgrund von
feuchte oder Öl bzw Fettverlust an Geschmack. Viele lieben es das sich dadurch
die Geschmäcker extrem verbinden und keiner mehr im Vordergrund steht, eine
Symphonie ergeben. Allerdings ist dieser Prozess sehr aufwendig und daher nicht
wirklich für üppige Chargen geeignet. So lange alles im Blend optimal verläuft und
hält, hört er so gut wie nie auf zu Leben
9. Welche Rolle spielt Feedback aus der Community?
Gibt es Rückmeldungen aus der Community, die Sie besonders ernst nehmen – auch wenn sie unbequem sind?
Ich nehme Grundsätzlich alles auf, egal ob positiv oder negativ. Alles was klappt,
bringt einen nicht weiter sondern das was nicht geklappt hat .Daraus lernt man und
bei Tabak hört man nie auf zu Lernen da er sich immer wieder verändert durch die
Natur. Beispiel Burley, entstanden durch eine natürliche Veränderung der Genetik
des Virginias. Die Meinung derer die meine Blends rauchen ist für mich immens
wichtig um zu wissen was sie wünschen, wollen und wie sie mit ihnen klar kommen.
Viele reisen zu diversen Events im Jahr von mir, tauschen sich mit mir aus und
freuen sich ein paar Infos zu bekommen sowie Tips mit Umgang diverser Blends
wenn sie mal nicht mit einem wie gewünscht klar kommen.
10. Was raten Sie Menschen, die neu mit der Pfeife beginnen?
Was würden Sie raten: viel ausprobieren oder sich bewusst Zeit mit wenigen Tabaken lassen?
Zeit ist unabdingbar um Genuss zu erfahren. Pfeife rauchen hat mit Ruhe und
Geduld zu tun, erfordert etwas Übung. Geschmack trainiert sich mit der Zeit, wie
bereits erwähnt und erweitert sich , was einem dann mehr Spektrum in der
Geschmacksvielfalt von ganz alleine beschert. Heute wird es dem Anfänger durch
diverse Medien wie You Tube, Foren und nicht zuletzt dem Fachhändler leichter
gemacht einzusteigen. Ich würde jedem raten es langsam angehen zu lassen ,
gerne Ausprobieren, denn den es dauert ne Weile seinen eigenen Geschmack
überhaupt zu finden und mit dem Stopfen, Anzünden, Rauchen und der Pfeife klar
zu kommen. Alles wird irgendwann zum Automatismus und dann beginnt der echte
Genuss, wenn das Rauchgerät nicht mehr die volle Aufmerksamkeit braucht. Am
Anfang reicht eine günstige Pfeife nebst Zubehör wie Stopfer etc. Die Ansprüche
steigen von ganz alleine….Einem komplett Rauchanfänger würde ich zu einem sehr
milden Aromaten raten, evtl auch nur leicht Aromatisiert, wenn er auch Tabak
schmecken möchte. Jemandem der bereits Zigarre raucht, der sollte eher zu
Naturnahen, Virgina oder leicht Englischen Blends greifen. Ausprobieren erweitert
den Geschmackshorizont. Nicht unter Druck setzen , an Filtern und Reinigern nicht
sparen, das Pfeifchen pflegen. Dann hat man lange was davon und dem
Geschmack dient es auch. Mehere Pfeifen sind irgendwann empfehlenswert wenn
man diverse Blendrichtungen raucht und mehr als eine am Tag da diese mindestens
24 Std nach benutzung trocknen sollte.
11. Hat sich Ihr eigener Blick auf Pfeifentabak verändert?
Hat sich Ihr eigener Blick auf Pfeifentabak verändert – und wenn ja, in welche Richtung?
Ich habe als Hamburger Jung und Hafenliebhaber schon früh mit Pfeife durch Opa,
Vater und Onkel angefangen. Jedoch keine Ahnung davon gehabt wie Aufwendig so
ein Tabakprodukt ist und wie enorm unterschiedlich die Qualitäten und die
Beeinflussung des Rauchvergnügens und der Dauer usw sind. Ein Virginia in
Unmengen an Qualitäten unterscheiden zu können war mir damals weder bekannt
noch vorstellbar, geschweige denn diese Unmengen an Geschmacksspektren.
Brasilien alleine besitzt etwa an die 100 Sorten unterschiedlicher Virginas oder
nahen Tabaken. All das ist heute bei mir natürlich unbeschreiblich weiterentwickelt
von der Geschmacks-, Geruchs- und Optik Sensorik her. Ebenso weiß ich heute
bestens wer mit wem in welcher Menge wie geblendet werden kann und kenne all
unsere und andere Tabake aus dem Stand und kenne mehr als 1200 Rezepturen
aus dem Kopf. Dennoch ist die Faszination und Leidenschaft dafür ungebrochen. Es
ist ein Privileg so meinen seltenen Beruf aus zu üben und recht passabel zu
beherrschen. Der Kontakt mit den Händlern und den Verbrauchern zu haben, macht
die ganze Geschichte erst Rund und mich zu dem, der ich heute, 21 Jahre später
bin.

12. Blick in die Zukunft bei Kopp Tobaccos
Gibt es etwas, das Sie in den kommenden Jahren gemeinsam mit Kopp weiterentwickeln oder stärker in den Fokus rücken möchten – ganz unabhängig von konkreten Produkten?
Oliver und Familie Kopp schenken mir unheimlich viel Vertrauen und vertrauen
meinen Arbeiten und Ideen, die von den Freiheiten lebt, die Olliver mir gibt. Ich hatte
fantastische 3 Lehrer und verbinde gerne altes mit neuem. Wir haben bereits Dinge
stärker in den Vordergrund gerückt und bauen dass weiter aus. Die eigenen Kopp
Blends. Angefangen mit Caribbean Blue, unserer Full Aromatic Line mit
Karibischen Aromen. Weiter über White Elefant, deren Pfeifen damit Tribut gezollt
wird und deutlich weniger Aroma trägt, den Pfeifentabak in den Vordergrund
gestellt, sowie zu mindestens 80 % aus Afrikanischen Tabaken besteht. Dann der
Jährliche Edition Blend, Anker , der für viele unserer Werte und im Original schon
immer vor unseren Toren steht. Die Flamme 1919 Edition die Jährlich anders
wiederkehrt und für weitere Werte dieser Firma steht, zb die Grundsteinlegung
durch Martin Wess, Entbehrung, Mut, Wiederaufbau, Stolz, Demut und auch Stärke.
Es werden weitere Linien folgen und fortgeführt. Wir haben noch lange nicht genug,
aber verraten wird Hier und Heute nichts, was Pläne betrifft. Noch zu erwähnen ist,
das wir Heute eigene Flakepressen haben die Olliver Kopp ausfindig machte und
Reastaurieren lies und auf denen wir Crumble Cakes und Plugs machen. Beispiele:
HU Fayyum Cake, HU Izmir Cruble, Bendens Silkroad und den bald erscheinenden
Klüverbaum sowie Heinrichs Crue 7, 8 und 9….weitere werden folgen….
13. Zum Abschluss
Was wünschen Sie sich, dass Pfeifenraucher bewusster wahrnehmen, wenn sie ihre Pfeife stopfen und anzünden?
Eigentlich nur das sie unsere Produkte trotz der enormen Preissteigerungen
Genießen und die Manufakturarbeit dahinter, das Handwerk erkennen und
wertschätzen was da an Aufwand betrieben wird. Die Kosten Pfeifentabak
herzustellen sind förmlich explodiert. Die Gesetzesvorgaben, Richtlinien und weitere
Dinge machen die Produktion und Umsetzung der Blends nicht einfacher, ebenso
wie das einführen von Track und Trace um Schmuggel sowie Steuerbetrug zu
verhindern. Es mag ja bei der Zigarette etwas bewirken was Eindämmung betrifft,
aber bei Pfeifentabak und Zigarre, wo kaum, wenn überhaupt Schmuggel und
Steuerbetrug vorhanden ist? Nun ja, man kann natürlich auch mit einer Bazooka auf
Spatzen schießen…
Ich gebe immer gerne den Hinweis, das trotz der Enorm gestiegenen Preise,
Deutschland immer noch ein Tabakgeniesser Paradies ist, das in der Welt seines
gleichen sucht mit einem enormen Fachhändlernetz. In diesem Sinne, auf den
Genuss….
Dieses Interview ist kein Werbetext und kein Blick hinter eine Marketingfassade. Es ist das Gespräch mit einem Menschen, der seit über zwanzig Jahren mit einem Naturprodukt arbeitet, das sich nicht kontrollieren lässt – sondern verstanden werden will.
Was aus den Antworten von Thomas Nitsche deutlich wird, ist eine tiefe Achtung vor dem Material, vor dem Handwerk und vor den Menschen, die diese Tabake am Ende genießen. Pfeifentabak ist für ihn kein Konsumgut, sondern ein Prozess: vom Feld über die Lagerung, das Mischen, das Reifen bis hin zum ruhigen Moment am Ende der Pfeife.
Ich bedanke mich herzlich bei Thomas Nitsche, dass er sich die Zeit genommen hat, meine Fragen so offen, ausführlich und ehrlich zu beantworten – und damit pfeifenrun.de einen außergewöhnlich tiefen Einblick in seine Arbeit ermöglicht hat.
Der gesamte Austausch fand per E-Mail statt.
Alle Interview-Antworten wurden wortgetreu übernommen.
Bild-Quellen: Thomas Nitsche