Zwischen Genuss und Gewohnheit

Gedanken bei einer Pfeife über Sucht, Ritual und bewusste Momente

Auf die Idee zu diesem Text brachte mich Thomas Nitsche. Nicht durch eine direkte Belehrung, nicht durch erhobenen Zeigefinger, sondern durch ein Gespräch, das nachklang. Es ging um Tabak. Um Handwerk. Um Haltung. Und irgendwann – unausgesprochen, aber deutlich – auch um die Frage: Rauche ich aus Genuss oder aus Sucht?


Ich bin Suchtraucher.


Das schreibe ich ohne Ausrede, ohne Relativierung. Meine Sucht befriedige ich mit Zigaretten. Gerne selbstgedrehte. Und selbst da probiere ich aus: naturbelassene Tabake, Halfzware, richtig dunkle, schwere Mischungen. Ich rauche gerne. Das ist etwas, das man heute selten laut sagt. Eine Zigarette gehört für mich dazu. Sie ist da, wenn mein Körper nach Nikotin verlangt. Punkt.


Aber die Pfeife – das ist etwas anderes.


Der Morgen beginnt mit einer Pfeife


Mein Arbeitstag beginnt nicht mit dem Einschalten des Macs. Er beginnt mit dem Gang vom Frühstück ins Büro. Und dort wartet sie: meine Vauen Ranger. Gefüllt mit dem Mediterraneo von Michael Apitz. Bewusst gewählt.


Diese erste Pfeife am Morgen ist kein Zufall. Sie ist der Startschuss. Während andere ihren zweiten Kaffee brauchen, stopfe ich Tabak. Der Kaltzug. Das erste Feuer. Der Moment, wenn sich der Raumduft ausbreitet. Das ist kein hastiges Ziehen. Das ist ein Übergang. Von privat zu kreativ. Von Alltag zu Gestaltung.


Der Mediterraneo ist dabei fast ein Ritual geworden. Fruchtig, rund, mit Charakter – und irgendwie passt er zu diesem Moment zwischen Gedanken ordnen und Ideen formen.


Designarbeit und Pfeifenrauch


Wenn ich Kopfarbeit leisten muss – also wirklich gestalten – dann greife ich gerne zur Pfeife. Nicht für E-Mails. Nicht für Buchhaltung. Sondern für die Momente, in denen es um Nuancen geht.


Welcher Button wirkt ruhiger?
Soll der Text drei Pixel weiter nach rechts?
Ist die Typografie noch stimmig?


In solchen Momenten steckt viel Konzentration. Und genau dort hilft mir die Pfeife. Nicht als Nikotinlieferant – das wäre die Zigarette. Sondern als Taktgeber.


Ich rauche während der Arbeit nicht hektisch zwei Pfeifen hintereinander. Meist ist es eine. Dann eine Pause. Abstand gewinnen. Später vielleicht eine zweite – und diese zweite ist fast immer die des Betrachtens. Ich schaue mir an, was ich gestaltet habe. Mit etwas mehr Ruhe. Mit etwas mehr Abstand.


Die Pfeife zwingt zur Langsamkeit. Sie brennt nicht, wenn man sie hetzt. Sie wird bitter, wenn man sie misshandelt. Vielleicht ist sie deshalb ein guter Gegenspieler zu einem Kopf, der oft unter Dauerfeuer steht.


Sucht ist schnell. Genuss ist langsam.


Der Unterschied zwischen Sucht und Genuss ist für mich nicht der Stoff. Es ist das Tempo.


Wenn mein Körper nach Nikotin verlangt, gibt es Zigaretten. Schnell. Direkt. Funktional. Das ist Bedürfnisbefriedigung. Da geht es nicht um Raumduft, nicht um Tabaknoten, nicht um Muße. Es ist ehrlich gesagt oft ein Reflex.


Bei der Pfeife versuche ich bewusst zu trennen. Nicht immer gelingt es. Aber ich versuche es.


Ich frage mich:
Stopfe ich jetzt, weil ich Nikotin brauche?
Oder stopfe ich, weil ich einen Moment brauche?


Das ist nicht dasselbe.


„Die Zigarette stillt den Drang. Die Pfeife schenkt mir Zeit. Und irgendwo dazwischen lerne ich, bewusst zu unterscheiden.“

Feierabend und bewusste Aufmerksamkeit


Nachmittags, wenn der Arbeitstag endet, greife ich ebenfalls gerne zur Pfeife. Aber anders als morgens. Es ist nicht der Start, sondern das Runterfahren.


Die Pfeife braucht Aufmerksamkeit. Wer nebenbei durch Social Media scrollt und hektisch zieht, bekommt nur Hitze und Frust. Wer sie mit Geduld behandelt, bekommt Tiefe. Geschmack. Raum.


Und vielleicht ist genau das der Punkt: Die Pfeife zwingt mich zur Achtsamkeit. Auch wenn es sich von außen so anhört, als würde ich sie „nebenbei“ während der Arbeit rauchen – ich versuche, meine Designschritte mit der Ruhe einer Pfeifensession in Einklang zu bringen.


Manchmal gelingt das gut. Manchmal weniger. Ich bin kein Idealbild eines Genießers. Ich bin jemand, der bewusst übt.


Die Zigarre als besonderer Abend


Selten – aber ab und an – kommt abends auch eine Zigarre dazu. Und die verlege ich wirklich auf besondere Abende. Wenn der Tag gut war. Wenn die Stimmung passt. Wenn ich entspannen kann.


Eine Zigarre ist für mich kein Alltagsbegleiter. Sie ist ein Marker. Ein kleines Ausrufezeichen hinter einem gelungenen Tag. Vielleicht mit einem Glas dazu. Vielleicht im Garten. Vielleicht einfach nur still für mich.


Auch hier geht es um Tempo. Um das bewusste Sitzenbleiben.


Dauerfeuer im Kopf


Durch eine psychische Erkrankung stehe ich oft unter Dauerfeuer im Kopf. Gedanken kreisen. Projekte laufen parallel. Verantwortung drückt. Kreativität fordert. Zweifel mischen sich ein.


Gerade deshalb versuche ich, Pfeife und Zigarre als Genussräume zu bewahren. Räume, in denen es nicht um Funktion geht. Nicht um Leistung. Nicht um Output.


Natürlich klingt es widersprüchlich, wenn ich sage, dass ich die Pfeife auch während der Arbeit rauche. Aber vielleicht ist genau das mein Versuch, Arbeit und Ruhe nicht als Gegensätze zu sehen, sondern als fließenden Übergang.


Design ist für mich kein Fließbandjob. Es ist ein Prozess. Und eine Pfeife passt besser zu einem Prozess als eine Zigarette.


Ehrlichkeit statt Verklärung


Ich will nichts romantisieren. Ich bin Suchtraucher. Ich rauche gerne. Ich weiß um die Diskussionen. Ich kenne die Argumente. Und trotzdem bleibt es Teil meines Lebens.


Aber ich versuche zu unterscheiden.


Die Zigarette ist Bedürfnis.
Die Pfeife ist Ritual.
Die Zigarre ist Anlass.


Und vielleicht ist genau dieses bewusste Unterscheiden mein kleiner Schritt in Richtung Genuss – trotz Sucht.


Thomas Nitsche sprach einmal sinngemäß davon, dass Tabak immer auch Haltung ist. Für mich bedeutet das: nicht verdrängen, sondern hinschauen. Nicht schönreden, sondern ehrlich bleiben. Und dennoch Raum lassen für das, was mir gut tut.


Eine Pfeife zwingt zur Langsamkeit.
Eine Zigarette stillt den Drang.
Und irgendwo dazwischen sitze ich – mit Gedanken, mit Rauch, mit Bewusstsein.


Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen Genuss und Gewohnheit:
Nicht, was man raucht. Sondern wie bewusst man es tut.


Bild von Michael André

Michael André

Michael André ist Webdesigner aus Großalmerode und leidenschaftlicher Pfeifenraucher. Auf pfeifenrun.de verbindet er Handwerk, Genusskultur und klare Gestaltung. Zwischen Kaffee, Tabak und Code entstehen Websites mit Charakter – ruhig, durchdacht und mit Sinn fürs Detail.

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